Der literarisch-historische Ursprung der Artussage
Der literarisch-historische Ursprung der Artussage

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Das Mabinogion

Als Mabinogion bezeichnet man eine Sammlung alter Texte in walisischer Sprache aus kymrischer Überlieferung. „Es handelt sich um das bedeutendste Denkmal der alten walisischen Erzählkunst und eines der wenigen literarischen Dokumente in kymrischer Sprache“. Die Texte gelten als die Quelle der Artusepik und entstanden in der Zeit vom 11. bis 13. Jahrhundert, gehen inhaltlich aber auf das 5. und 6. Jahrhundert zurück. [1]
Die Bezeichnung beruht auf einem Übersetzungsfehler der Übersetzerin Lady Charlotte Guest (1812 bis 1895), die das Mabinogion ins Englische übersetzte (Erstveröffentlichung 1838). Frederik Hetmann erklärt: „Ausgehend von der Schlussformel bei vier dieser Texte „so endet dieser Zweig des Mabinogi“ und von der Bedeutung des Wortes „mab“ (Junge) kam diese Übersetzerin zu der Vorstellung, „mabinogi“ heiße „eine Geschichte für Kinder oder Jugendliche“ und „mabinogion“ sei dazu der Plural.“ [2] 
Nach S. und P. Botheroyd sehen Keltenforscher wie P. Mac Cana und C. Sterckx in der walisischen Sagensammlung die Trümmer eines Sagenkreises um Mabon bzw. Maponus, Sohn einer keltischen Göttin, der eine Rolle in einer der Erzählungen spielt.
[3]

Das Mabinogion ist eine Zusammenstellung aus zwei mittelalterlichen Handschriften, dem „White Book of Rhydderch“ (ca. 1325), das nur in Fragmenten überliefert ist, und dem „Red Book of Hergest“ (ca. 1400).  Das Weiße Buch wird heute in der National Library of Wales in Aberystwyth  verwahrt, das Rote Buch befindet sich als Manuskript CXI in der Bibliothek des Jesus College in Oxford. [4]
Nach Frederik Hetmann hat man hat das Konvolut des Mabinogion in drei Gruppen aufgeteilt. Als zwölfter Text kommt in der Übersetzung von Lady Charlotte Guest noch „Talyessin“ hinzu.

1. „Die vier Zweige
Diese vier Erzählungen sind im Wesentlichen von mythologischem Inhalt. Alle Personen sind Figuren aus der walisischen Mythologie, so auch ein Königssohn namens Pryderi, Sohn des Königs Pwyll und seiner Gattin Rhiannon, der in allen vier Geschichten eine – wenn auch kleine – Rolle spielt.

a) Pwyll, Prinz von Dyved
b) Branwen, die Tochter des Llyr
c) Manawydan, der Sohn des Llyr
d) Math, Sohn des Mathonwy

2. Die „Vier unabhängigen heimischen Geschichten“ oder „Die walisischen Legenden“
Charakteristisch ist hier eine sagenhaft-pseudohistorische Darstellungsweise. Diese vier Geschichten sind:

a) Culhwch und Olwen oder der Twrch Trwyth
b) Der Traum des Rhanabwy
c) Lludd und Llevelys
d) Der Traum des Marxen

In „Culhwch und Olwen“ begegnen wir König Arthur. Es ist dies wahrscheinlich seine früheste Darstellung in einem Text aus Wales. Leider ist ihm nur eine Nebenrolle zugewiesen. Schon als großer König der Briten in Amt und Würden, zeigt er doch wenig Persönlichkeit her. [5]
„Culhwch und Olwen“ entstand um 1100 oder früher in kymrischer Sprache und ist möglicherweise Vermittler des Artusstoffes von Wales in die französische Bretagne. Die Erzählung ist eine Märchenvariante zur Werbung des Jünglings um die Tochter eines Riesen. Dabei wird Culhwch zu einem Vetter des Königs Artus erklärt, welcher als Weltherrscher inmitten von Rittern  mit magischen Fähigkeiten geschildert wird. [6]
„In „Der Traum des Rhonabwy“ begegnen wir mit Madawg, Sohn des Maredudd, einer historischen Person, von der bekannt ist, dass sie 1159 starb. Dies legt die Vermutung nahe, dass das Rahmenwerk der Geschichte nicht viel älter als 1200 ist. (…) Wie auch in „Culhwch“ liegt Arthurs Schloss und Hofsitz in Cornwall und nicht in Wales.“ [7]

3. Die „Drei Romanzen
a) Owein (Die Geschichte von der Gräfin am Brunnen)
b) Peredur (dem Sohne des Evrawc)
c) Gereint (dem Sohne des Erbins)

Die drei Hauptfiguren dieser Geschichten haben eine „starke Ähnlichkeit mit dem Yvain, Perceval und Erec des Chrétien de Troyes (...). Die walisischen Texte der Romanzen sind schon durchweht vom Geist und den Idealen der mittelalterlichen Ritterdichtung Frankreichs. …
Freilich sind in der Artus-Epik wie auch in den ihr verwandten drei walisischen Romanen ebenfalls Spuren der keltischen Mythologie deutlich erkennbar: Beispielsweise geht die Handlung von Yvain bei Chrétien und von Owein auf einen von Barden besungenen Owein ap Uryen zurück, der in der 2. Hälfte des 6. Jahrhunderts gelebt habensoll.“
[8]

Eine Sonderstellung nimmt das „Buch von Talyessin“ ein, in dem der Monolog des Talyessin unter Umständen schon aus dem 9. Jahrhundert stammt.

Die Mabinogion Erzählungen sind über Jahrhunderte entstanden (…). Die Reaktion der Kleriker, nach langer mündlicher Überlieferungsperiode mit ständig verblassendem keltischem Weltbild, zerriss die letzten mythologischen Zusammenhänge, so dass wir uns mit Bruchstücken, Andeutungen und Namen zufrieden geben müssen. Trotz allem ist das Mabinogion neben den irischen Sagen die reichste Quelle der Inselkeltischen Mythologie in Prosaform. [9]

 

 

[1] Herder Lexikon (1982, S. 115)

[2] Frederik Hetmann (1982, S. 234 f.)

[3] Sylvia und Paul F. Botheroyd (1992, S. 205)

[4] vgl. Helmut Birkhan (1985, S. 69)

[5] vgl. Frederik Hetmann (1982, S. 238)

[6] vgl. Herder Lexikon (1982, S. 109 f.)

[7] Frederik Hetmann (1982, S. 239)

[8] Frederik Hetmann (1982, S. 240)

[9] Sylvie und Paul F. Botheroyd (1992, S. 205 f.)

 

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© Sabine Speer