Der literarisch-historische Ursprung der Artussage
Der literarisch-historische Ursprung der Artussage

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Lancelots Stille

Deutsche Artusepik im Hochmittelalter

Das Rittertum

Der Zeitraum zwischen 1170 und 1250 gehört dem Hoch- und Spätmittelalter an. Im 12. Jahrhundert kam es zu einer wesentlichen Veränderung der gesellschaftlichen Strukturen, die zu einem völlig neuen Selbstbewusstsein der Menschen führte. Der Einfluss der weltlichen Kräfte nahm zu und der ritterliche Lehens- und Dienstadel emanzipierte sich von Klerus, Kirche und Königtum. Städte wurden gegründet, das Stadtbürgertum entstand und es vollzog sich die Entwicklung von der Natural- zur Geldwirtschaft. Weltliche Gelehrsamkeit und Wissenschaft breitete sich an den neu gegründeten Universitäten aus. [1] [2]
„Neben den bisher führenden Klöstern und Bischofssitzen (und ihrer weiterhin bestehenden Literatur) wuchsen Fürsten- und Adelshöfe zu geistigen Zentren der Zeit. […] Träger der neuen höfischen Kultur war das Rittertum, das nun, zur Zeit der staufischen Kaiser, die führende Rolle in Gesellschaft und Politik übernahm.“ [3]
„Ritterliche Kultur steht in der Opposition gegen nichtadlige Pfaffen, Bürger und Bauern einerseits und entsteht aus dem zunehmenden Selbstbewusstsein des eigenen Standes neben Königen und Fürstenhöfen anderseits.“ [4]

„Das Wort „Ritter“ bezeichnet ursprünglich einen Reiter, d.h. einen sich des Pferdes zur Fortbewegung bedienenden Mann. Schon früh indessen hat es die speziellere Bedeutung eines bewaffnet zu Pferde Kriegsdienste leistenden Mannes von vornehmem Range erhalten. Aus dieser Bedeutung entwickelten sich die Begriffe des Ritterstandes, des Rittertums und der Ritterlichkeit.“ [5]
Erst im späten Mittelalter und in der neueren Zeit war der Ritterstand ein abgeschlossener Stand.
Zu den Tugenden der Ritter gehörte: "die Tapferkeit im Kriege, Großmut über den Besiegten, Höflichkeit gegenüber den Damen, Gastfreundlichkeit und die Treue gegen die Vorgesetzten. Außerdem gehörte die Freude an Musik und Poesie dazu; häufig auch die eigene Ausübung dieser Künste." Die für jede aufsteigende Schicht typischen Merkmale sind erkennbar, nicht zuletzt in der Aneignung adliger Lebensweisen und Kultur.
[6]
„Die neue Ethik in der ritterlichen Dichtung ist Standesethik, ihre Verbindlichkeit wird mit missionarischem Eifer verbreitet, durch sie werden Machtanspruch und Machtzuwachs kultiviert. Das Ideal vom äußerlich und innerlich geadelten Menschen, von einem ritterlichen Dasein, das Gott und der Welt in Demut und Bewährung gefällig ist, dieses Ideal im „ritterlichen Tugendsystem“ muss auch vor dem Hintergrund zeitgenössischer Chroniken gesehen werden: darin ist mehr von Hunger, Raub, Mord und Plünderungen die Rede als von Bildung, Minne oder edlem Turnierwettbewerb unter den Rittern. Das Mittelalter war in jeder Hinsicht eine Epoche der ungeheuren unterschwelligen Spannungen, der Umschichtung aller Werte und Orientierungen, der Umbrüche und Zusammenbrüche alter Ordnungen. […]
Vorbildhaftes Elitedasein brauchte seine eigenen Formideale, die aus wenigen zentralen Begriffen und ihrer ständigen Verfeinerung gebildet wurden. […] In „mâze“, „fröide“, „zugt“ und „hohem muot“ lebt der Ritter, ordnet sich den Regeln seines Standes unter, bei Verzicht auf jede Individualität. Der Begriff „minne“ veranschaulicht beispielhaft diese Entpersönlichung des Einzelnen um der erzieherischen Idee willen: Minnedienst geschieht um seiner selbst willen, die Frau steht als Symbol für ein höheres Wesen und in Opposition zu dem in „trûren“ und „wân“ anbetenden Ritter. Erhörung des Minnesängers ist nicht vorgesehen; wo sie stattfindet, brechen die Konflikte mit der Gesellschaft auf, mit Merkern und Neidern. Minnelyrik ist die formal und inhaltlich von der Gesellschaft sanktionierte Form einer Verehrung, die zumeist einer verheirateten Frau des eigenen Herrn und Fürsten galt und nur durch strenge Regeln vor dem Abgleiten in eine offene Ehebruchspoesie bewahrte. Zu ständiger „arebeit“ spornt die Idee an, nicht der Erfolg, nicht die Erfüllung, nicht der Zweck – es sei denn die eigene Läuterung, die selbsterzieherische Wirkung und die transzendierende Hinwendung zu Gott.“
[7]
 Es sei hier die tragische Liebesgeschichte zwischen Lancelot und Ginevra erwähnt. Auch nach dem Tod von König Artus, als nach Überwindung vieler Abenteuer eine Zusammenkunft der beiden sich schuldig fühlenden Liebenden möglich ist, wird der endgültigen Erfüllung durch religiöse Tugend Einhalt geboten: Ginevra geht reuevoll in ein Kloster, um dort ein schuldfreies und friedvolles Ende zu erwarten, der enttäuschte und gebrochene Lancelot beschließt sein Leben als Eremit.

 

Die Literatur im Hochmittelalter

Die Literatur hatte in erster Linie repräsentativen, weniger individuellen Charakter. Die Verfasser waren meist Ritter, nicht mehr Geistliche wie noch hundert Jahre früher. Sie trugen ihrem Hörerkreis ihre formale, idealistische, von individuellen Erlebnissen weitgehend freie und oft didaktische Dichtung vor (Lehr- und Spruchdichtung). Individuelles Lesen war dem kleinen Kreis der Gebildeten vorbehalten, die lesen konnten.
Man darf bei der Bewertung dieser Form der Unterhaltung nicht übersehen, dass viele Dichter finanziell abhängig waren von ihrem adligen Herrn und dessen Hofhaltung; sie gehörten der Gruppe der „Ministerialen“ an. Das Interesse des Publikums und die Tatsache, dass die Dichter persönlich vortrugen, hatten daher großen Einfluss auf den Inhalt der Texte.
Um von allen und überall verstanden zu werden, wählten die Autoren weitgehend dialektfreies Mittelhochdeutsch, das in Klang, Syntax und Wortschatz beweglicher und gefälliger erscheint als die althochdeutsche Sprache. Der Sprachstil wurde verfeinert und gewann – nicht zuletzt durch die Zunahme des französischen Einflusses seit 1170/80 – an Eleganz. Die drei wichtigsten literarischen Gattungen des Hochmittelalters sind der höfische Roman, das Heldenepos und die Minnelyrik.
[8]
 

Der höfische Roman (höfisch-ritterliche Epik)
Beim mittelalterlichen Roman lassen sich drei Stoffkreise unterscheiden:
1. Die Welt der Antike mit ihrer vorbildlichen, der „mâze“ gehorchenden Liebe. Hierher hört z.B. Heinrich von Veldeke (um 1170 bis vor 1190) mit seinem Roman „Eneit“ (1189 vollendet).
2. Die Artuswelt mit ihren ritterlichen Idealvorstellungen und einem Leben in Einklang mit der Welt und Gott. Hierzu gehören Hartmann von Aue und Wolfram von Eschenbach mit ihren Werken.
3. Die leidenschaftliche Liebe und der daraus sich ergebende Bruch mit höfischen und religiösen Normen, das Motiv des Ehebruchs wie bei Gottfried von Straßburg.

Im Wesentlichen sind drei Phasen der mittelalterlichen Literatur herauszustellen:
1. 1170 bis 1180 war eine Phase der Vorbereitung und der ersten literarischen Blüte, in der sich der neue Stand und damit die Dichtung vom religiös-kirchlichen Dienst emanzipiert, die Welt zurückgewinnt und sich in die Übernahme der französischen Vorlagen einübt. Hier haben wir den ersten Höhepunkt der Minnelyrik und Spielmannsdichtung. In diese Phase fällt die Entstehung von H.v. Veldekes „Eneit“  und E.v. Oberges „Tristrant“.
2. Die Zeit zwischen 1180 und 1220 war die zweite und eigentliche Blütezeit der höfisch-ritterlichen Dichtung. In diese Zeit fällt die Epik und Lyrik Hartmann von Aues. Um 1200 tritt eine entscheidende Wende ein: es erfolgt ein Abschwung aus der idealistischen Höhe. Walther von der Vogelweide setzt sich kritisch mit Wolframs „Parzival“ auseinander. Ab 1210 wendet man sich merklich der Wirklichkeit und dem Weltdienst zu, und der Abschied von höfischer Idealität vollzieht sich vollends zwischen den Jahren 1210 und 1220. Hier nimmt Walthers politische Dichtung einen großen Raum ein sowie Lieder der neuen Minne. Wolfram schreibt „Willehalm“ und „Titure“ und Gottfried den „Tristan“, das Werk eines Stadtbürgers.
3. Der Zeitabschnitt zwischen 1220 und 1230 ist das Jahrzehnt des Ausklangs. Hierher gehört Walthers resignierend-lehrhafte Altersdichtung und Heinrich von dem Türlin schrieb „Der Aventiure Crône“, eine ziellose Reihung abenteuerlicher Episoden.
[9]

„In seinem hervorragenden „Parzival“ verband Wolfram von Eschenbach die Einzelthemen und Episoden von Hartmanns Werken (Märchen-, Artus- und Gralelemente). Er betrachtete dichterische Arbeit als ritterliche Tätigkeit, nicht wie Hartmann als Zeichen von Bildung. So ist auch seine Sprache deutlicher gegenüber Hartmanns gepflegter Stilkunst. „Parzival“ gehört zu den meist gelesenen Werken des Mittelalters. Zusammen mit Richard Wagners gleichnamigem Musikdrama wird es in seiner Bedeutung mit Goethes „Faust“ und dem Nibelungenlied verglichen.
Gottfried von Straßburg, der dritte große Epiker des Hochmittelalters, gestaltete mit „Tristan und Isolt“ das Hauptwerk des 3. Stoffkreises der mittelalterlichen Romane. Man kann hier die Auflösung der geordneten ritterlich-höfischen Gesellschaft bereits erkennen. Die Macht der Leidenschaft drängt höfische und religiöse Normen in den Hintergrund.“
[10]
„In der Epik liefern die märchenhaften Stoffe und Gestalten der keltischen Artussage den Rahmen für die Darstellung der Probleme und ungelösten Fragen in der ritterlichen Gesellschaft. In einer von wirklichkeitsfremden Mächten, von Drachen, Zauberern und Feen bevölkerten Welt hinter der Welt kann sich der Held durch Niederlage, Irrungen und Erkenntnis bewähren. Gleichnishaft und stellvertretend durch die Gesellschaft sucht er das zentrale Zeitproblem zu lösen: wie man Gott und der Welt gefallen könne – in einem gestörten Verhältnis zu beiden. […]Die von Wolfram offen erkannte Fiktion einer historischen Authentizität der epischen Stoffe und Vorlagen, wie sie von der Gesellschaft gefordert wurde – deshalb die ständige Bearbeitung derselben französischen Vorlagen durch die Dichter und ihre Berufung auf die Quellen -, dieser Wahrheitsanspruch gegen die Fiktion wirft ein bezeichnendes Licht auf die Konfliktlage, in der die höfische Gesellschaft lebte. Hartmann von Aue hat in seinen Epen diese Problematik konsequent und bis zur Erschöpfung der Idee durchgeprobt.“ [11]

[Zunächst wurde der Stoffkreis der arthurischen Welt] „nach dem Vorbild Chrétien de Troyes von Hartmann von Aue auf deutsche Verhältnisse übertragen. Der britannische Heerführer Artus (gest. 537) war bei Chrétien das große ethische Vorbild des Rittertums: Ohne viel ins Geschehen eingreifen zu müssen, wird er zum Mittelpunkt der tapferen Ritterschar (Artusrunde, Tafelrunde). Der Artusritter, der die ritterlichen Idealvorstelllungen in sich vereinigt, lebt im Einklang mit der Welt und mit Gott und besteht ohne Schaden seine märchenhaften Abenteuer.
Hartmanns Erec ist der erste deutsche Artusroman. […]
Wolfram von Eschenbach verband die Einzelthemen und Episoden (Märchen-, Artus- und Gralselemente) von Hartmanns Werken in seinem überragenden Parzival (1200/1210), […]
Wolfram betrachtete dichterische Arbeit als ritterliche Tätigkeit, nicht als Zeichen von Bildung wie Hartmann. So ist auch seine Sprache deutlicher gegenüber Hartmanns gepflegter Stilkunst. Das Epos in 16 Büchern gehört zu den meistgelesenen Werken des Mittelalters; […]
Gottfried von Straßburg, […] gestaltete mit Tristan und Isolt (1200/1210) das Hauptwerk des dritten Stoffkreises der mittelalterlichen Romane. […] Man kann die Auflösung der geordneten ritterlich-höfischen Gesellschaft hier bereits erkennen: Die Macht der Leidenschaft drängt höfische und religiöse Normen in den Hintergrund.“
[12]


„Mit der Übernahme der Arthurtradition auf den Kontinent, zuerst nach Frankreich, ging das Interesse an den eigentlich historischen Ereignissen verloren – schon bei Geoffrey trat das Propagandistische in den Vordergrund. Nun aber ereignete sich zum ersten Mal in der Geistesgeschichte des Mittelalters, dass Stoffe (Handlungen, Motive, Charaktere, Erzählungen) übernommen wurden, die nicht den Anspruch religiöser Wahrheit erhoben wie die Heilige Schrift und die Legenden, die auch nicht als historische Wahrheiten von Interesse waren wie die Tradition der Heldensagen […] – denn was ging den Kontinent der fabelhafte König Arthur an, von dem kein Geschichtsschreiber der Universalgeschichte auf dem Kontinent je etwas gehört hatte – wäre da nicht der angevinische Herrschaftsbereich gewesen, der Britannien und den Kontinent verband. […] Zum ersten Mal bot sich die Möglichkeit, gegebene Handlungen mit (weltlichem) Sinn zu erfüllen und sich bald auch weitere Fabeln nach dem Schema der vorgefundenen auszudenken, indem nun etwa ein neuer Ritter eingeführt wurde, der mehr oder minder originell ersonnene neue Abenteuer zu bestehen hatte.“ [13]

 

 


[1] vgl. Dt. Lit. in Epochen (1985, S. 22) und Die deutsche Literatur in Text und Darstellung (1976, S. 19)

[2] siehe 1

[3] Dt. Lit. in Epochen (1985, S. 22)

[4] Dt. Lit. in Text u. Darstellg. (1976, S. 19)

[5] Otto Henne am Rhyn (S. 5)

[6] Otto Henne am Rhyn (S. 5 f.)

[7] Dt. Lit. in Text u. Darstellg. (1976, S. 20)

[8] Dt. Lit in Epochen (1985, S. 22 ff)

[9]  vgl. Dt. Lit. in Text u. Darstellg. (1976, S. 18)

[10] vgl Dt. Lit. in Text u. Darstellg. (1976, S. 18)

[11] Dt. Lit. in Text u. Darstellg. (1976, S. 21 f)

[12] Dt. Lit. in Epochen (1985, S. 25 f)

[13] Helmut Birkhan (1985, S. 31 f)

 

 

 

 

 

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