Der literarisch-historische Ursprung der Artussage
Der literarisch-historische Ursprung der Artussage

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Lancelots Stille

Chrétien de Troyes und die französichen Autoren

Chrétien de Troyes

wurde um 1140 in Troye wahrscheinlich in Troyes/ Champagne geborgen und verstarb vor 1190.

„Obwohl Chrétien de Troyes einer der einflussreichsten Dichter des europäischen Mittelalters war, gibt es keine Informationen über seine Lebensumstände außer denen, die seinen Werken zu entnehmen sind. Der Beginn des literarischen Schaffens dürfte frühestens kurz nach 1165 anzusetzen sein, denn in diesem Jahr fand die Heirat des Grafen Heinrich mit Marie de Champagne (1145 – 1198) statt, der Chrétien einen seiner Romane widmet.“[…]
„Seine soziale Stellung und seine genaue Beziehung zum Königshof sind vollkommen unklar; manche wollen in ihm einen Kleriker oder Juristen, andere einen Wappenherold sehen. In jedem Fall verfügte er über eine umfangreiche lateinisch-klerikale Bildung und kannte sowohl die antike als auch die frühmittelalterliche Literatur seiner Zeit. Neben zwei Minnekanzonen, die ihm zugeschrieben werden, verfasste er mehrere höfische Versromane, die alle drei Stoffkreise der altfranzösischen Erzählliteratur abdecken.“[…]
„Chrétien macht aus dem (pseudo-) historischen Artusstoff höfische Versromane. Zu Beginn des ersten, „Erec und Enide“, reflektiert der Erzähler das vom Autor angewendete Verfahren mündlich umlaufendes Erzählgut über König Artus einer größeren, künstlerisch gestalteten und sinntragenden Form zu unterwerfen.“
[1]

Der Artusepik gehören folgende seiner Werke an:

um 1170              Erec und Enide
1177/1181           Lancelot (Le Chevalier da la charrette)
1117/1181           Yvain
1181/ 1190          Perceval (Le Conte du Graal)

Auch Helmut Birkhan bestätigt, dass Chrétien mindestens zwei Mäzene hatte: er hielt sich am Hof von Marie de Champagne, später bei Philipp von Flandern auf. Birkhan vertritt die Ansicht, dass Chrétien den wesentlichsten Anteil an der Entstehung des höfischen Romans hätte. Mit seinen Romanen „Érec et Énide“ (= „Gereint“), „Yvain oder der Löwenritter“ (= „Owein“ in „Die Gräfin am Brunnen) und „Die Geschichte vom Gral“ oder „Der Roman von Perceval“ (= „Peredur“) schuf er die klassischen Entsprechungen zu den kymrischen Erzählungen des Mabinogion. Ein weiterer Artusroman ist „Der Karrenritter“.
Erec und Yvain wurden später von Hartmann von Aue ins Deutsche übertragen.
Das Fragment des „Perceval“, den Chrétien unvollendet gelassen hatte, brachte Wolfgang von Eschenbach inclusive einer Vorgeschichte Parcivals zu Ende. Er füllte sein Werk mit einem von Chrétien z.T. abweichenden Geist.
[2]

„So ist Chrétiens Chevalier de la Charrete auch in den bedeutendsten Prosaroman des 13. Jahrhunderts, den „Lancelot Propre“, eingefügt worden. Dessen Verbreitung in nahezu alle westeuropäischen Literaturen ist es zu verdanken, dass das durch Lancelot und Gueniévre exemplarisch verkörperte Minneideal bis zu Dante und noch Cervantes fortlebt.“ [3]

 

Marie de France

„Marie stammt zwar aus Frankreich, hat aber, […], am englischen Hof Heinrichs II. gelebt und gearbeitet. Bei ihrem dritten Werk handelt es sich um eine Sammlung von zwölf kürzeren Erzählungen, die sogenannten „Lais“, die in einigen Handschriften vollständig überliefert sind,[…].
[…] Der von Marie selbst gebrauchte Terminus „Lais“ stammt aus dem Keltischen und bedeutet ursprünglich „Vogelgesang“, später einfach „Lied“ […] In den altfranzösischen Lais, die einst von Spielleuten vorgetragen worden sein sollen, geht es zumeist darum, dass die handelnden Figuren – oftmals eine Frau zwischen zwei Männern oder auch ein Mann zwischen zwei Frauen – versuchen, ihr Liebesglück zu finden. Sie sind eine Fundgrube für die Motiv- und Sagenforschung, […]“
[4]
Unmittelbar zur Artusepik gehört von Maries Texten nur der „Lai de Lanval“. Darüber hinaus verfasste sie noch die Tristan-Isolde-Novelle „Lais Chèvrefeuille“ (ca. 1170).

 


[1] Wolfgang Achnitz (2012, S. 39 ff.)

[2] vgl. Helmut Birkhan (1985, S. 33)

[3] Kindlers Lex. G.Wil.,Bd. 3 (1996, S. 972)

[4] Wolfgang Achnitz (2012, S. 36 f.)

 

Wace

„Roman de Brut“
  
 (altfranz., „Der Roman von Brutus“), verfasst bis 1155

Wace wurde 1100 in Jersey geboren und lebte in Paris und Caen. Er war normannischer Hofdichter  und wurde wegen seiner literarischen Verdienste zum Domherr von Bayeux befördert. Er starb 1175.

„Stellt Geoffreys lateinische Historia den Ursprung der Artusepik dar, so ist Waces französischer Brut gleichsam der Umschlaghafen. Dabei geht eine Änderung vor sich: der historisch-politische Stoff ist zwar gegeben und bleibt, die Darbietung wird aber höfischer und unterhaltsamer, durch erzählendes Beiwerk umrankt, durch Zutaten wie die Tafelrunde ritterlich-romantisch gefärbt. Waces Brut steht also an einer Wegscheide: in diesem Werk und durch seinen Einfluss gabelt sich die Arthurtradition in einen heroischen und einen romantischen Weg.“ [1]

„Der […] von Wace eröffnete Weg, der zum Versroman und ins Land der Romantik führt, zeigt einen von dem Geoffreyschen verschiedenen Arthur: den Ritter und König der Tafelrunde. Er tritt uns erstmals entgegen in Chrétiens Erec (1160 -70), dann in dem Prosaroman des frühen 13. Jahrhunderts  „La morte le roi Artu“, von wo aus er ins Englische zurückübertragen wird im strophischen „Le Morte d’Arthur“ im 14. Jahrhundert. Dabei tritt Arthur selbst und damit das Heroische und Politische immer mehr zurück. Statt Arthurs treten die Geschichten der Tafelrunde-Ritter in den Vordergrund: das sind die Geschichten von Lancelot und Elaine, von Gawain, dem edelsten Ritter, von Gawain und Tristan, von Galahad und Perceval – Geschichten, die bis auf den heutigen Tag lebendig  geblieben sind und den ursprünglichen Schöpfer des Arthurzyklus, Geoffrey von Monmouth, ganz in den Schatten gerückt haben.“ [2]

Den von Geoffrey unter starker Benutzung walisischer Geschichten geschaffenen Arthur-Roman verarbeitete […] Wace (1100 via 1175) zum „Roman de Brut“ (1155). Aus der steif-feierlichen lateinischen Prosa werden heitere, leichtfließende französische Achtsilber, und überall sind bunte, ritterliche Fäden in Geoffreys Stoff eingewoben; das Ganze ist höfisch geworden, die Darstellung der Liebe nimmt beträchtlichen Raum ein. Zugleich sind Lesbarkeit und Lebendigkeit erhöht, einerseits durch Ausscheiden der rätselhaften Weissagungen Merlins und anderer sagenhafter Züge, andererseits durch Zusätze, welche die Tatsachenneugier befriedigen. Diese wirken oft, wie bei der Schilderung der Einschiffung Arthurs zum römischen Feldzug, wie Kleinbilder voll wimmelnden, scharf gezeichneten Lebens.
Solche Kleinmalerei bei gleichzeitiger Herausarbeitung der höfischen Liebe ist kennzeichnend für die Kunst des entstehenden Romans […] Eine neue Kunstform war entstanden: Ein groß angelegter Roman, der gestattete, eine ganze Enzyklopädie von Kenntnissen hineinzuarbeiten, der dem Wunderbaren einen bedeutsamen Platz einräumte, der vor allem durch eine in den Rahmen abenteuernden Rittertums  eingefügte Liebesgeschichte und durch lange, die Gefühle zergliedernden Monologe die höfischen Werte und Normen unterstrich.“
[3]

 

[1] Walter F. Schirmer (1958, S. 15)

[2] Walter F. Schirmer (1958, S. 16)

[3] Walter F. Schirmer (1983, Seite 82)

Robert de Boron

„Le Roman de l’Estoire del Graal“
altfranz.; Der Roman von der Geschichte des Gral

Robert de Boron war ein französischer Dichter, wurde in der Mitte des 12. Jahrhunderts wahrscheinlich in Boron bei Belfort (Frankreich) geboren und lebte bis ca. 1212. Sein Versroman L’Estoire del Graal entstand um 1180.

„Das 4018 Verse umfassende Bruchstück enthält die Legende des Joseph von Arimathäa, dazu den Beginn (500 Verse) eines weiteren Romans, in dessen Mittelpunkt, wie aus der Prosafassung des frühen 13. Jahrhunderts zu entnehmen ist, die Figur des Propheten Merlin stehen sollte. [...]
Josesph von Arimathäa, ein jüdischer Dienstmann des Pilatus, gelangt in den Besitz des Abendmahlkelches aus dem Haus Simons, füllt ihn nach der Kreuzesabnahme mit dem Blut Christi und bestattet den Leichnam unter einer steinernen Grabplatte. Um einen lästigen Zeugen der Auferstehung Jesu aus der Welt zu schaffen, bezichtigt man ihn, zur Täuschung des jüdischen Volkes den Toten selbst geraubt zu haben, und setzt ihn in einem unterirdischen Verlies gefangen; da erscheint Jesus, um dem Verlassenen das wundertätige Gefäß im Namen der Dreifaltigkeit zu überreichen und dessen heilige Funktion zu erklären.“
[1]
Joseph wird nach vierzig Jahren Gefangenschaft von Vespasian begnadigt. Er verlässt mit seiner ersten Gemeinde, der seine Schwester und sein Schwager angehören, das Land. Analog zum heiligen Abendmahl errichtet er eine Gralstafel mit den Requisiten des Grals und eines Fisches. Während die Sünder aus der Gemeinde ausgestoßen werden, sind die Guten an dieser Tafelrunde aufgenommen. [2]

„Obwohl die moderne Forschung dazu neigt, Chrétiens Perceval die zeitliche Priorität vor dem Roman Roberts einzuräumen, ist das Problem der relativen Chronologie der beiden Werke bis heute nicht restlos geklärt. – Die in sich widerspruchsvollen Hinweise des Autors auf die verschiedenen Quellen seiner Erzählung lassen lediglich die Vermutung zu, dass seiner Josephsgeschichte apokryphe Evangelien und altchristliche und mittelalterliche lateinische Legenden zugrunde liegen. Das im Text erscheinende „Avaron“ (Insel Avalon) deutet auf die für die Überlieferung des Artusstoffes bedeutungsvolle englische Abtei Glastonbury hin, die sich selbst mit dem Namen dieser Insel identifizierte.
Der Wert von Roberts Roman liegt vor allem in der nun möglichen Erhellung verschiedener motivgeschichtlicher Elemente der Gralsgeschichte (jüdisch-christliche Herkunft des Kelches; Fischerkönig), die allein von Chrétiens Perceval her nicht zu erklären sind, während der nüchterne, oft geradezu ungeschickte Stil des burgundischen Landadeligen aus Boron einen Vergleich mit den großen Werken der höfischen Literatur nicht zulässt. – Ob das vom Autor am Ende des Romans angekündigte Projekt, die Schicksale seiner Helden in einem sich anschließenden Romanzyklus weiter zu verfolgen und mit der Artus- und Ritterwelt zu verbinden, tatsächlich ausgeführt wurde, bleibt zweifelhaft, zumal Robert selbst auf die Schwierigkeit der Stoffbeschaffung für seinen umfangreichen Plan hinweist.“
[3]
In Roberts Dichtung kommt der Gralssucher Parzival nicht  vor.

„Einer frühchristlichen Legende des Nikodemus-Evangeliums zufolge war der Gral jener Kelch, den Christus beim letzten Abendmahl benutzte und in dem dann Joseph das Blut des Gekreuzigten, das aus der Seitenwunde floss, auffing. Joseph wurde dann 40 Jahre im Kerker gefangen gehalten, anschließend brachte er den Kelch über Rom nach England, um die Insel zu missionieren. Am Weihnachtstag soll er Glastonbury erreicht und den Gral im Boden vergraben haben. Aus dem Pilgerstab, den er in die Erde steckte, wurde ein Weißdornbusch, dessen Ableger heute noch zu Weihnachten blüht. Auch gründete er der Sage nach dort die erste Kirche in Britannien. Im 11. und 12. Jahrhundert entstand der Mythos der Tafelrunde mit König Arthus: die Ritter der Tafelrunde um König Artus suchten den Heiligen Gral.“

Quelle: Ökomenisches Heiligenlexikon
https://www.heiligenlexikon.de/BiographienJ/Joseph_von_Arimathaia.htm

Die Legende des Joseph von Arimathia wird in der apokryphischen Acta Pilati des 5. Jahrhunderts fortgeschrieben. Je nach Überlieferung soll sich sein Grab in Jerusalem, in dem schottischen Kloster Glais oder in der Abtei von Glastonbury befinden. Hier wird einmal deutlich wie beliebig mit dem Sagenstoff und den Motiven in der Literatur umgegangen wurde. Ein jeder nahm sich, was gerade in seine Zeit, zur Mode oder zur poitischen Lage passte.
Robert de Boron und Chrétien de Troyes haben also als erste die Artussage mit der schon bestehenden Gralslegende verknüpft und für ihr Ersinnen weiterer Abenteuer der Ritter der Tafelrunde genutzt. Der Gral ließ sich leicht auf walisisches Erzählgut „aufpropfen“, wo schon der keltische Kessel eine Rolle vielmals Erwähnung findet.

 

[1] Kindlers Neues Literaturlexikon, Bd. 14 (U.Wa. 1996, S. 204 f.)

[2] vgl. Kindlers Neues Literaturlexikon, Bd. 14 (U.Wa. 1996, S. 204 f.)

 

 

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